Der Süddeutschen Zeitung habe ich ein längeres Interview zu rechtsradikalen Angriffen auf die liberale Demokratie und Identitätspolitik gegeben. Rechtsextreme greifen Identitätspolitik an, weil sie für gleiche Freiheit steht, das Kernprinzip der liberalen Demokratie. Ich argumentiere, dass Rechtsextreme die realen Probleme der massiven ökonomischen Ungleichheit in gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit übersetzen. Um dem Rechtsextremismus seine materiellen Grundlagen zu entziehen, ist eine substantielle Vermögensumverteilung nötig.

Ganzes Interview: „Identitätspolitik verlangt viel von uns. Das muss sie auch“

von Sebastian Gierke, 23.9.2025

Der Einsatz für benachteiligte gesellschaftliche Gruppen hat sich für die Linke nicht gelohnt. Oder? Der Philosoph Karsten Schubert sieht das anders.

Identitätspolitik? Vor gut zehn Jahren wusste kaum jemand, was damit gemeint ist. Das hat sich schnell geändert, eine Zeit lang bestimmte sie den gesellschaftspolitischen Diskurs. Doch sehr schnell schlug das Pendel auch wieder in die andere Richtung aus. Identitätspolitik dient vielen heute sowohl als Erklärung für die Probleme der Linken als auch für den Erfolg der Rechten. Politiker wie Donald Trump gehen mit Kritik an Wokeness auf Stimmenfang. Und doch gibt es sie noch, ihre Verteidiger. Zum Beispiel den Politikwissenschaftler und Philosophen Karsten Schubert, der entgegen dem Trend ein „Lob der Identitätspolitik" verfasst hat.

Schubert hat im gesprochenen Wort geschlechtergerechte Sprache verwendet, die Süddeutsche Zeitung hat das übernommen. In diesem Fall gekennzeichnet durch den Doppelpunkt.

SZ: Herr Schubert, wie viel Schuld trägt die Identitätspolitik daran, dass sie so in die Defensive geraten ist?

Karsten Schubert: Eine vernachlässigbar geringe. Identitätspolitik, demokratietheoretisch richtig verstanden, funktioniert nicht so, wie das immer kritisiert wird.

Erklären Sie bitte mal Identitätspolitik, demokratietheoretisch richtig verstanden.

Das ist die gemeinsame politische Praxis von strukturell benachteiligten Gruppen. Sie richtet sich gegen Diskriminierung und verfolgt damit das demokratische Versprechen von Freiheit und Gleichheit für alle. In diesem Sinne verstehe ich Identitätspolitik als notwendig für die liberale Demokratie, die als Ganzes gerade attackiert wird.

Genau deshalb wäre es doch besser, wenn die liberale Demokratie als Ganzes sich dagegen wehrt, nicht nur einzelne benachteiligte Gruppen.

Strukturelle Diskriminierung zu erkennen und zu benennen funktioniert aus der Perspektive der Benachteiligten besser als aus der der Mehrheitsgesellschaft. Identitätspolitik ist notwendig, um blinde Flecken im etablierten Wissen zu erkennen und zu korrigieren.

Das klingt fast harmlos.

Identitätspolitik verlangt viel von uns. Das muss sie auch. Es geht darum, gesellschaftliche Normen, die manche besserstellen als andere, zu verändern. Diese sind auch tief eingeschrieben in Gewohnheiten. Besserstellung aufzugeben und Gewohnheiten zu ändern – das erzeugt Abwehr. Das erklärt aber nicht den massiven Widerstand. Dafür ist zentral, welche Narrative politische Akteure im Diskurs setzen.

Welche sind das?

Es gibt zwei große Pole der diskursiven Mobilmachung gegen Identitätspolitik. Einerseits findet die Diskussion in erster Linie im Feuilleton statt. Das hatte lange einen universalistischen Welterklärungsanspruch, der durch die identitätspolitische Vervielfältigung der Stimmen infrage gestellt wird. Das ist eine Erklärung für die Obsession dort mit den Problemen von Identitätspolitik.

Glauben Sie denn wirklich, dass das Feuilleton in der gesellschaftlichen Breite eine so große Wirkung hat?

Wie in den Medien und in der Politik diskutiert wird, prägt Meinungen stark. Im Feuilleton gibt es einen gepflegten Anti-Woke-Diskurs, an den wiederum rechte Politiker:innen anschließen.

Die sind der zweite Pol?

Genau. Rechtspopulisten und Rechtsextreme hetzen gegen Identitätspolitik, stellen damit den Einsatz für gleiche Menschenwürde generell infrage und attackieren so die Fundamente der liberalen Demokratie. Erfolg haben sie auch, weil sie Ressentiments in der Mitte aufgreifen, die der Feuilleton-Diskurs verstärkt hat.

Damit machen Sie es sich sehr einfach. Die Kritik an Identitätspolitik verfängt doch, weil deren Vertreter Fehler gemacht haben.

Die immer wiederholte Kritik ist aber falsch: Identitätspolitik schränkt Freiheit nicht ein, sondern verwirklicht sie für alle; sie verhärtet Identitäten nicht, sondern transformiert sie; und sie ist nicht antiuniversalistisch, sondern konkretisiert den Universalismus. Verhärtungen und Fundamentalismen können dabei vorkommen, werden aber meist korrigiert und mindern den demokratischen Beitrag von Identitätspolitik nicht.

Cancel-Culture, die Beschränkung von Debatten durch Safe Spaces, ausgeladene Redner: Sind das solche Verhärtungen?

Einzelne Fälle werden skandalisiert und pars pro toto zum Ganzen der Identitätspolitik gemacht. Dass Identitätspolitik als übertrieben kritisiert wird, ist im Übrigen erwartbar, weil sie tief eingeschriebene Normen kritisiert. Vieles, was heute selbstverständlich ist, galt früher als Zumutung, wie beispielsweise das Frauenwahlrecht oder die Ehe für alle. Der Blick zurück empfiehlt eine gewisse epistemische Bescheidenheit und Offenheit dafür, dass man persönlich, aber auch wir als Gesellschaft, noch viel von Identitätspolitiken lernen können.

Einige Fälle sind aber frappierend.

Schaut man die ständig reproduzierten Beispiele genau an, fehlt fast immer etwas. Das sind verdrehende Anekdoten, in denen bestimmte Aspekte weggelassen werden. Recherchiert man weiter, erweist sich die Kritik oft als begründet.

Ein aktueller Fall, die Werbekampagne der US-Schauspielerin Sydney Sweeney: Darin gibt es ein Wortspiel mit den im Englischen ähnlich klingenden Worten jeans und genes, die Gene. Kritiker sagen, die Kampagne verwende rassistische Codes, weil sie Sweeney als weißer Frau großartige Gene attestiert.

Die Kritik an dem impliziten Rassismus kann ich nachvollziehen.

Donald Trump hat auf die Kritik sofort reagiert. Im Sinne von: Darf man eine weiße Frau jetzt nicht mehr schön finden?

Das ist eine typische Verdrehung: Der Kritik geht es ja gar nicht um eine solche Freiheitseinschränkung, die in der Tat übergriffig wäre. Sondern darum, dass Werbung nicht ironisch an rassistisches Denken – gute Gene, schlechte Gene – anknüpfen sollte.

Aber lohnt dieser Kampf?

Bemerkenswert ist dieses Changieren der Debatte zwischen Grundsatzkritik und Strategieberatung für die Linke. Einerseits heißt es, Identitätspolitik sei übermächtig und gefährlich; andererseits, die Linke sei ihretwegen ineffektiv und zerlege sich an „woken" Nebenthemen.

Trump hat Munition bekommen.

Dass er den Kulturkampf anheizt, ist erwartbar. Die Ironie der Werbung passt in den faschistoiden Maga-Zeitgeist und die rechte Online-Kultur. Ein Patentrezept dagegen gibt es nicht. Aber wenn man berechtigte Kritik aus Angst vor rechter Reaktion unterlässt, erfüllt das ihr Ziel. In den USA ist der Diskurs so verroht, dass ein Präsident mit Scherzen über Rassismus punktet. Das ist das Problem – nicht die Identitätspolitik.

Sicher? Es gibt Menschen, etwa in der weißen US-Arbeiterschicht, die sich kulturell abgehängt fühlen. Dann kommt die Identitätspolitik der universitären Linken und vertieft die Kluft, indem sie moralische Urteile fällt.

Identitätspolitik ist komplex und wissenschaftsbasiert. Ihre Standpunkte sind nicht bloße Behauptungen, sondern entstehen im Austausch mit Forschung. Entsprechend stößt sie in progressiven Bildungsmilieus eher auf Verständnis als in bildungsfernen.

Das ist doch ein Problem. Ein Problem von Kommunikation.

Identitätspolitik muss sich dem stellen, ja. Muss gut übersetzen, erklären. Das ist aber nicht das zentrale Problem.

Sondern?

Zentral ist soziale Ungleichheit, die sich unter anderem in klassenmäßig ungleich verteilten Bildungschancen zeigt.

Die Menschen, die sie ablehnen, können Identitätspolitik nicht verstehen?

Nein, es geht vielmehr darum, dass die Stimmungsmache gegen Identitätspolitik funktioniert, weil sich darin Klassen- und Kulturkonflikte vermischen. In den USA zeigt sich das besonders deutlich: An wichtigen Positionen sitzen College-Absolvent:innen mit eher liberalen Werten. Im Leben von Menschen ohne Abschluss treten sie überall als Macht auf – in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Verwaltung. Sie personifizieren strukturelle Ungleichheit. Trump repräsentiert den Aufstand gegen diese Klasse, das große „Fuck You" an die liberalen Eliten. Um dem rechten Kulturkampf die Grundlage zu entziehen, müssen wir soziale Ungleichheit bekämpfen.

Aber es ist doch vermessen, zu sagen, wenn alle bessere Bildung bekämen, würden sie Identitätspolitik gut finden.

Das meine ich auch nicht. Im Grunde geht es darum: Wie weit will Identitätspolitik die Mehrheit ändern hin zu einer liberalen Lebensform? Das ist eine demokratietheoretisch komplizierte Frage: Welche Antidiskriminierungsnormen sollten allgemein verbindlich sein, um quasi eine Basis herzustellen – und welche gehören zu einer liberal-kosmopolitischen Lebensform, die nicht universalisiert werden sollte, um den demokratischen Pluralismus zu wahren?

Für viele geht die Identitätspolitik genau da zu weit. Sie empfinden die Forderungen als Angriff auf die eigene Lebensweise.

Der Anspruch von Identitätspolitik ist nicht, alle von einem bestimmten Lebensstil zu überzeugen. Ein Beispiel: Eine konservativ-christliche Familie lehnt ihren schwulen Sohn ab. Dass Identitätspolitik sich gegen solche Diskriminierung auch im Privatbereich wendet, ist gerechtfertigt. Das heißt aber nicht, dass die Familie ihre Werte aufgeben und sich einem queeren Lebensstil anpassen muss.

Genau diese Forderung wird aber doch an sie gestellt in so einem Fall.

Diskriminierungsschutz funktioniert nicht ohne gewisse Änderungen im Denken der Mehrheit. Ich halte aber an der Unterscheidung zwischen Moral und Ethik fest: zwischen universalisierbaren und individuellen Entscheidungen des guten Lebens, in die niemand hineinregieren sollte. Wo die Grenze verläuft, ist Teil der Debatten, die Identitätspolitik anstößt. Historisch zeigt sich: Eine Korrektur dieser Grenze war oft vernünftig.

Identitätspolitik schließt also den Kompromiss gar nicht aus? Oft wird ja behauptet, dass sie in der Sprache und in Gesetzen alles sofort will für eine kleine Minderheit.

Im Kern ist sie auf Kommunikation ausgerichtet: Es geht ums Verstandenwerden, inklusive selbstkritischer Strategiedebatten. Jüngst sagte zum Beispiel die erste trans Abgeordnete des US-Kongresses, der trans Aktivismus in den USA habe zu viel auf einmal gewollt, zu aburteilend agiert und so die Gesellschaft nicht mitgenommen. Das ist eine wichtige Überlegung. Dessen ungeachtet ist die menschenverachtende Hetze durch die Maga-Bewegung entscheidend für die massive Transfeindlichkeit in den USA.

Agieren beide Seiten nicht ähnlich? Rechte und Linke setzen auf Kulturkampf, versuchen über kulturelle Hegemonie an Macht zu kommen.

Das kann man nur so sehen, wenn man Politik als reinen Machtkampf begreift. Aber wir leben in einer freiheitlichen Verfassungsordnung, in der Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit universelle Geltung haben. Identitätspolitik will diese Werte besser verwirklichen, Rechte wollen das verhindern. Das ist ein entscheidender Unterschied. Und die Rechte versucht, diesen Rahmen zu zerstören.

Nicht Rechtskonservative per se, aber der Rechtsextremismus zielt auf die Überwindung der liberalen Demokratie. Da die liberale Demokratie und Identitätspolitik zwei Seiten einer Medaille sind, ist es kein Wunder, dass der Kampf gegen Identitätspolitik zentraler Bestandteil rechtsextremer Ideologie ist.

Haben sie damit Erfolg?

Das kann passieren – wir erleben eine faschistische Zersetzung des Verfassungsstaats ja gerade in den USA. Gerade deshalb ist die Gleichsetzung von rechtem Kulturkampf und linker Identitätspolitik so gefährlich: Sie relativiert den Universalismus der freiheitlichen Demokratie.

Wie kommt die Identitätspolitik wieder aus der Defensive?

Rechte Politik übersetzt berechtigte Unzufriedenheit in menschenverachtende Ressentiments. Zentral sind dabei Verteilungsfragen.

Ein Plädoyer für den Klassenkampf vom Identitätspolitiker?

Denken Sie an die massive Ungleichverteilung von Vermögen und die damit zusammenhängende teilweise Handlungsunfähigkeit des Staates. Auch Partizipationschancen sind ungleich verteilt, und viele glauben nicht mehr an die Grundprämisse der Demokratie: effektive Beteiligung. Die Demokratie zerrinnt langsam in unseren Händen. Die Kämpfe um Identitätspolitik sind ein Symptom davon.

Zitieren und lesen

Schubert, Karsten/Gierke, Sebastian (2025): Interview: „Identitätspolitik verlangt viel von uns. Das muss sie auch“. Süddeutsche Zeitung, 24.09.2025, Politik, S. 5. https://www.sueddeutsche.de/politik/identitaetspolitik-wirkung-gesellschaft-li.3297423.


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