Am 26.4 halte ich in Salzburg bei der XXVII. TAGUNG DES JUNGEN FORUM RECHTSPHILOSOPHIE zur DIE KRISE DES DEMOKRATISCHEN RECHTSSTAATS IM 21. JAHRHUNDERT einen Vortrag zu Sklavenmoral und ‘Political Correctness’.

Abstract

‚Political Correctness‘ ist eines der wichtigsten umstrittenen Konzepte unserer Zeit. Tatsächlich spielten Kämpfe um ‚politische Korrektheit‘ eine zentrale Rolle bei den Wahlgewinnen rechtspopulistischer Parteien in der westlichen Welt Ende der 2010er Jahre. Der rechten Bewegung gelang es in einem langen Kampf um kulturelle Hegemonie, das Konzept der ‚politischen Korrektheit‘ im Mainstream-Diskurs zu etablieren. Das Konzept beinhaltet im Wesentlichen eine Kritik an emanzipatorischen politischen und ethischen Projekten, die versuchen, neue politische und soziale Normen durchzusetzen, um vorhandene Machtstrukturen zu brechen, Ungerechtigkeiten auszugleichen und eine gleichberechtigte Beteiligung zu ermöglichen. Solche emanzipatorischen Entwicklungen neuer Normen führen zum Widerstand derjenigen, die von den alten Normen privilegiert wurden. Die Rechte schaffte es jedoch, eine solche Verteidigungs- und Privilegienschutzposition zu verallgemeinern, indem sie den Begriff der „politischen Korrektheit“ etablierte, und damit behauptete, dass emanzipative politische Projekte ein repressives Regime diskursiver Restriktionen installierten, in dem linke ‚Priester‘ sich befähigen, zu beurteilen, welche politischen Ausdrucks- und Handlungsweisen korrekt oder falsch sind. Diese Strategie hat bemerkenswert gut funktioniert, und heutzutage wird der Begriff ‚politische Korrektheit‘ zusammen mit seinem rechtsgerichteten oder konservativen Konzept in den Mainstream-Medien als neutraler oder technischer Begriff verwendet.

Manche Kommentatoren haben ‚politische Korrektheit‘ mit Nietzsches Konzept der Sklavenmoral beschrieben und kritisiert. Ich werde im Vortrag zeigen, dass diese Verschaltung von Nietzsches Sklavenmoral und ‚politische Korrektheit‘ zutreffend und hilfreich ist. Durch die Unterfütterung mit Nietzsches Macht- und Subjekttheorie erfährt man mehr über die kritisierte Repression der ‚politische Korrektheit‘ - vorrausgesetzt, man interpretiert Nietzsche konservativ. Dies eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit einer tiefer angelegten Kritik der Debatte um ‚politische Korrektheit‘, die darüber hinausgeht, nur zu zeigen, dass ‚politische Korrektheit‘ eine strategische Kampagne der Rechten ist, die Argumente der Meinungsfreiheit fälschlicherweise anführt. Denn Nietzsches Subjekt- und Machtkritik muss nicht konservativ verstanden werden, sie kann auch progressiv interpretiert werden. Aus einer solchen - plausibleren - Interpretation von Nietzsches Macht- und Subjekttheorie ergibt sich auch eine andere Beschreibung von ‚politischer Korrektheit‘ und ihrer Effekte. Politik ist demnach immer ein Kampf um Macht und Ansprüche, der politische Raum und seine Diskurse sind immer verregelt und sind immer ein Verteilungsystem für Ressourcen und Privilegien. Deshalb ist es für eine progressive Position sinnvoll, die etablierten Normen kritisch zu hinterfragen und politische Projekte, die sie emanzipativ umschreiben wollen, zu unterstützen. Die Kontrastierung der beiden Nietzsche-Lesarten - konservativ und progressiv - ist nicht deshalb sinnvoll, weil sie ein Bollwerk gegen Rechtspopulisten bilden würde. Diese werden die Prämisse der progressiven Politik ablehnen und im Sinne des (progressiv und konservativ geteilten) Fokus auf Nietzsches Machttheorie probieren, ihre Position machtpolitisch durchzusetzen. Relevant ist die Unterscheidung vielmehr für Linke und Liberale, die sich grundsätzlich mit progressiven Ziele identifizieren, aber dennoch die ‚politische Korrekheits‘-Kritik teilen, die heute weit über rechte und konservative Diskurse hinaus Verbreitung findet. Ihnen gegenüber kann mit dieser Kontrastierung plausibilisiert werden, dass emanzipative Projekte auch dann unterstützenswert sein können, wenn sie auf den ersten Blick wie eine individuelle Freiheitseinschränkung wirken.

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