Mein Rezensionsessay zu Foucaults posthum veröffentlichtem Werk “Die Geständnisse des Fleisches” arbeitet zum ersten Mal heraus, welche Implikationen Foucaults späte Analysen der christlichen Kirchenväter für die politische Theorie haben. Meine These: Selbstreflexive Machtkritik, die für unser heutiges Freiheitsverständnis entscheident ist, entwickelt sich im frühen Christentum. Damit stellen sich übliche Interpretation von Foucaults Werk als falsch heraus, die den für uns heute wichtigen Freiheitsbegriff in der antiken Ethik oder parrhesia finden. Und es eröffnen sich neue Möglichkeiten, mit Foucault über zeitgenössische postfundamentalistische Politik nachzudenken.

Die christlichen Wurzeln der Kritik. Wie Foucaults Analysen der Kirchenväter neues Licht auf die Debatte um Macht und Freiheit werfen. Rezensionsessay zu Foucault, Michel: Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit 4. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2019. 556 Seiten [978-3-51858733-1].

In: Zeitschrift für philosophische Literatur 7. 2 (2019), 60–71
https://zfphl.org/article/view/35687

Knackige Kurzversion auf dem Theorieblog

Die Zusammenfassung und Zuspitzung des Arguments unter Abblendung der Rezensionsanteile findet sich auf dem Theorieblog.

Die christlichen Wurzeln der Kritik. Lesenotiz zu Michel Foucaults „Die Geständnisse des Fleisches. Sexualität und Wahrheit 4“

https://www.theorieblog.de/index.php/2019/10/die-christlichen-wurzeln-der-kritik-lesenotiz-zu-michel-foucaults-die-gestaendnisse-des-fleisches-sexualitaet-und-wahrheit-4/

“Diese Lesart hat Konsequenzen für unsere gegenwärtige Diskussion über Freiheit und Politik. Demokratie ist kein Geschäft von parrhesiasten, die sich selbst in ihrer ‚gesellschaftskritischen‘ Wahrheit fundamental sicher sind – die aktuelle Konjunktur von rechtpopulistischen Wahrheitsbehauptungen verdeutlicht dies eindringlich. Freiheit mit Foucault als Kritik zu verstehen ermöglicht hingegen eine neue genealogische und systematische Charakterisierung von Demokratie im Postfundamentalismus: Entscheidend für widerständige Subjektivität ist die selbstkritische Reflexion von fremder Macht, die tief in unserem Inneren wirkt. Subjektivierungskritik ist der Kern von freiheitlicher und demokratischer Politik. Diese Freiheit kann durch die genealogische Selbstverständigung über die christlichen Wurzeln der Kritik, gerade in Anbetracht ihrer Verstrickung mit repressiver christlich-juridischer Normierung, die Foucault in Die Geständnisse des Fleisches beschreibt, besser verstanden und eingefordert werden.”