Die Debatte um “das Politische” geht weiter: Der neue Sammelband, von Oliver Flügel-Martinsen, Franziska Martinsen und Martin Saar herausgegeben, untersucht die Bedeutung des Konzepts für die politische Theorie. Ich freue mich sehr, mit einem Beitrag zur Problematik von normativer Begründung im Postfundamentalismus dabei zu sein. Wenn das Politisch kontingent und eine Sache der Macht ist, und deshalb keine letzten Begründungen möglich sind, wie lässt sich dann noch universalistisch argumentieren?

Die These: Der letzte mögliche Universalismus ist kontinuierliche Kritik, die durch das demokratische Institutionengefüge gewährleistet werden muss. Der Text ist eine wichtige Vorarbeit zu meiner aktuellen Forschung zur Identitätspolitik. Dort betone ich, dass die zur Demokratisierung der Demokratie nötige Kritik von partikularen identitätspolitischen Projekten geleistet wird. Doch auch diese Identitätspolitiken sind erstens von geeigneten Institutionen abhängig (in einem autoritären Regime, das Minderheiten unterdrückt, sind auch identitätspolitische Artikulationen erschwert) und zweitens beruht das Argument zur Demokratisierung durch partikulare Identitätspolitiken auf einer universalistischen Begründung, deren Grundstruktur im nun veröffentlichten Aufsatz erläutert wird.

Abstract

Die Debatte um die politische Differenz stellt Kontingenz und Konfliktualität als fundamentale Eigenschaften des Politischen heraus. Dies birgt ein Problem für die postfundamentalistische Demokratietheorie, die auf Augenhöhe mit dieser Debatte argumentieren will: Durch die Kontingentsetzung aller normativen Begründungen ist zunächst unklar, welche Art von demokratischen Institutionen wie begründet werden kann, und sogar, ob es überhaupt eine von der postfundamentalistischen Sozialontologie ausgehend argumentierende normative Begründung für demokratische Institutionen geben kann. Meine These ist, dass Freiheit, verstanden als kontinuierliche selbstreflexive Kritik, derjenige normative Begriff ist, der sich aus der Sozialontologie von Konflikt und Kontingenz herleiten lässt. Anders gesagt: Freiheit als Kritik ist derjenige Universalismus, der sich aus der Ontologie des Partikularismus ableitet. Freiheit als Kritik kann dabei einerseits das Operieren einiger Institutionen in liberal-pluralistischen Demokratien beschreiben, und andererseits als radikaldemokratisch-normativer Kritikbegriff für die Analyse ihrer Dysfunktionalität dienen. Um diese These zu begründen, gehe ich zurück zu einem Theoretiker, der eine Grundlage der aktuellen Debatte um das Politische bildet: Foucault, dessen Machttheorie als Ansatz einer Sozialontologie der Kontingenz und Konfliktualität gelten kann. Gleichzeitig hat Foucault den Begriff der Freiheit als den zu dieser Ontologie passenden normativen Begriff herausgestellt.

Der Band

Der Band ist versammelt die zentralen deutschen Stimmen zur Debatte um radikale Demokratie und das Politische. Die anderen Beiträge sind unbedingt empfehlenswert: - Die Vorgeschichte radikaler Demokratie. Historisch-programmatische Anmerkungen zum Stand politischer Theorie (Oliver Marchart) - Das Politische und die Unerlässlichkeit der Herrschaftskritik, oder: Populismus und das (radikal-)demokratische Versprechen (Martin Nonhoff) - Das ‚Wer‘ des politischen Handelns. Zum Potential der Debatte um ‚das Politische‘ für ein demokratisches politisches Projekt (Anastasiya Kasko) - Der Spuk des Politischen. Widerständige Figuren jenseits ethnonationaler und institutionellerEngführung von Politik (Mareike Gebhardt) Das Politische, agonale Politik und das Widerständige derpolitischen Praxis (Manon Westphal) - Das Politische (in) der Dekonstruktion (Markus Wolf) - Bruno Latour und die Phantome des Politischen: Akteur-Netzwerk-Kollektive zwischen Assoziation und Dissoziation (Hagen Schölzel) - Das Politische in der politischen Bildung (Werner Friedrichs)

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Schubert, Karsten (2021): Der letzte Universalismus. Foucaults Freiheitsdenken und die Begründung von radikaler Demokratie im Postfundamentalismus. In: Oliver Flügel-Martinsen, Franziska Martinsen und Martin Saar (Hg.): Das Politische (in) der Politischen Theorie: Nomos, 43–58. https://doi.org/10.5771/9783748927907-43
Final Manuscript
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