In der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (DZPhil 74/1, 2026) habe ich eine Buchkritik zu Tim Hennings Wissenschaftsfreiheit und Moral (Suhrkamp 2024) veröffentlicht.

Hennings Buch ist ein wichtiger Beitrag zur anhaltenden Debatte um Wissenschaftsfreiheit: Er zeigt mit den Mitteln der analytischen Philosophie, dass moralische Kritik an Forschung keine unzulässige Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit darstellt – ein Vorwurf, den konservative Akteure regelmäßig gegen kritische Forschung erheben. Sein Schlüsselargument ist das Konzept der Irrtumskosten: Je gravierender die Folgen einer wissenschaftlichen These im Fehlerfall, desto höher muss der Beweisstandard sein. So findet Moral einen legitimen Platz in einer ansonsten evidenzialistischen Wissenschaftsauffassung.

Ich zeige jedoch auch die Grenzen dieses Ansatzes: Hennings Evidenzialismus setzt eine klare Trennung von deskriptiver Wissenschaft und moralischer Bewertung voraus, die gerade in den Sozial- und Humanwissenschaften nicht aufrechtzuerhalten ist. Damit schließt sein enger Rahmen das Gros der kritischen Forschung – also genau jene Forschung, die im Zentrum der Wissenschaftsfreiheitsdebatte steht – implizit aus. Zudem verorte ich das Buch in einer ersten Phase der Debatte (angebliche innerwissenschaftliche Einschränkungen durch kritische Forschung) und kontrastiere es mit der gegenwärtigen zweiten Phase, in der es um tatsächliche staatliche Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit geht – in Deutschland im Kontext der Nahostdebatte, in den USA durch die rechtsautoritäre Hochschulpolitik der Trump-Administration.

Zitieren und Lesen

Schubert, Karsten (2026): Zwischen konservativer und kritischer Epistemologie. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 74 (1), 106–116. https://doi.org/10.1515/dzph-2026-0008


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