In meinem Artikel im aktuellen Leviathan (1/2020) zur Debatte um ‘politische Korrektheit’ und Identitätspolitik gehe ich über die üblichen linken und liberalen Verteidigungen von ‘political correctness’ hinaus. Ich argumentiere für emanzipative Politik als kämpferische Privilegienkritik, die damit rechnet, dass Privilegierte dagegen protestieren, wenn ihnen dadurch Privilegien entzogen werden. Emanzipative Politik ist also kein Verwaltungsakt im Zuge der Realisierung universeller Freiheit, von der alle gleich profitiere. Sie ist zwar Teil des universellen Emanzipationsprojekts der Aufklärung, kann aber nur aus einer patikularen Perspektive der Marginalisierten durchgeführt werden und verschlechtert notwendig die Situation der Privilegierten. Diese Konzeption hilft dabei, nicht von rechter Aggression überrascht zu werden und ihr entsprechend kämpferisch durch strikte Normsetzung zu begegnen.

Neue Konzepte zur Analyse von (rechter) ‘Political-Correctness’-Kritik

  1. Der Artikel schlägt eine neue Interpretation von ‘PC’-Kritik als Privilegienverteididung vor, die darüber funktioniert, formaler Argumente wie das der Meinungsfreiheit zu mobilisieren, um einen partikulare Inhalt zu universalisieren. Diese Form-Inhalt-Verschiebung verdeckt, dass es eigentlich um die Durchsetzung von partikularer Interessenverteidigung geht und tut dafür so, ein demokratietheoretisches Argument zu machen.
  2. Der Artikel leistet die erste systematische Intepretation, die der rechten Behauptung, ‘PC’ sei Sklavenmoral in Nietzsches Sinn untersucht und bestätigt. Dieser rechtsnietzscheanischen Position setze ich dann die linksnietzscheanische Position der Priviliegienkritik entgegen.
  3. Ich schlage den Begriff des ‘politische Urteilens’ für ein affirmatives Konzept derjenigen emanzipativen Politiken vor, die sonst als ‘PC’ kritisiert werden - weil ‘PC’ seit knapp 30 Jahren ein rechter Kampfbegriff ist und damit für die Benennung von emanzipativer Politik nicht brauchbar.
  4. Um die Privilegienkritik in der Debatte um normative Begründungsarten zu positionieren, entwickle ich das Konzept des partikularistischen Universalismus: Emanizpative Gesellschaftskritik kann nur mit einer perspektivistischen politischen Epistemologie betrieben werden, die beispielsweise soziale Positionen und Privilegien mit in die Bewertung von Argumente einbezieht, wo das nötig ist. Diese Position ist aber selbst nicht in der selben Art standortabhängig, sondern durch den aktuellen Stand der Sozialtheorie und Philosophie gut begründet.

Grundsätzliche Bedeutung die für Debatte um linken und queeren Aktivismus

Die Kritik an ‘politischer Korrektheit’ und ‘Sprechverboten’ ist aber nicht nur das Geschäft der Konservativen und Rechten, sondern auch in Teilen der linken und in letzter Zeit insbesondere auch in der queeren/schwulen Szene wird aktivistische Politik so kritisiert, wie die Bände der sogenannten Kreischreihe im Querverlag der letzten Jahre zeigen (Beissreflexe, Freiheit ist keine Metapher und ganz neu: Irrwege). Das ist einerseits verständlich, weil in aktivistischen Kreisen emanzipative Normierungen besonders stark vom gesellschaftlichen Mainstream abweichen und deshalb politisch problematische Aussagen und Aktionen entsprechend schneller und eindeutiger kritisiert werden. Andererseits wird das Kind in diesen Beiträgen oft mit dem Bade ausgeschüttet, indem intersektionale Ansätze per se abgelehnt werden, weil sie relativistisch und zugleich autoritär seien. Das Konzept des Politischen als Privilegienkritik, das ich entwickle, ist auch eine philosophische Antwort auf diese linken und queeren Kritiken an ‘Sprechverboten’. Ich zeige nämlich, dass in diesen Debatte ein Missverständnis des “Politischen” vorliegt: Wir leben in einer durch Regeln bestimmten Welt und Politik ist die Aushandlung solcher Regeln. Dass es dabei zu Einschränkungen kommen kann, insbesondere wenn marginalisierte Gruppen sich durchsetzen und Regeln ändern, ist gar nichts Besonderes - und kein spezifisches Problem der Diskursfreiheit. Die ganzen Probleme der Praxis, dass oft nicht klar ist, was die richtige Politik ist, und wer eigentlich wie marginalisiert ist, werden durch diese Auffassung des Politischen zwar nicht gelöst. Aber die Debatte wird weggebracht von dem immer wiederholten Punkt der ‘Sprechverbote’ und es kann dann produktiver diskutiert werden, nämlich an den jeweiligen Sachfragen orientiert.

Abstract

Rechte Intellektuelle berufen sich oft auf Nietzsches Konzept der Sklavenmoral, um damit ihre Kritik an ‚political correctness‘ zu untermauern. Diese Verschaltung von Nietzsches Sklavenmoral und ‚PC‘-Kritik ist zutreffend, wie die systematische Analyse ihrer gemeinsamen Elemente zeigt, die zu einer Neubeschreibung von ‚PC‘-Kritik als Privilegienverteidigung führt. Im Gegensatz zur rechtsnietzscheanischen ‚PC‘-Kritik zeigt der linksnietzscheanische Begriff des privilegienkritischen ‚politischen Urteilens‘, dass Politik ein Kampf um Macht und Ansprüche ist, wobei der politische Raum und seine Diskurse immer verregelt und ein Verteilungssystem für Ressourcen und Privilegien sind. Deshalb ist es für eine emanzipatorische Position angebracht, die etablierten Normen kritisch zu hinterfragen und politische Projekte, die sie emanzipativ umschreiben wollen, zu unterstützen. Weil ‚PC‘ als emanzipatives politisches Urteilen Privilegien abbaut, ist es kein zu vermeidender Nebeneffekt, sondern ihr vernünftiger Kern, wenn Privilegierte davon eingeschränkt werden. Der Linksnietzscheanismus hilft, nicht von rechter Aggression überrascht zu werden und ihr entsprechend kämpferisch durch strikte Normsetzung zu begegnen.

Literaturangabe und Downloadmöglichkeit

Schubert, Karsten (2020): »Political Correctness« als Sklavenmoral? Zur politischen Theorie der Privilegienkritik. In: Leviathan 48 (1), S. 29–51. https://doi.org/10.5771/0340-0425-2020-1-29
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