Nach meinem Forschungssemester am ZiF in Bielefeld freue ich mich, wieder zu lehren: In diesem Semester gebe ich zwei Hauptseminare, zu Standpunkttheorien und zur Radikalen Demokratietheorie. Beide Seminare zielen darauf, die aktuellen Diskussionen um Identitätspolitik und Demokratie zu analysieren und weiterzubringen: Wird die Demokratie durch partikulare Identitätspolitik zersetzt? Oder basiert Demokratie gerade darauf, die heutigen Vorstellungen von Universalität immer wieder von partikulare Standpunkte aus zu kritisieren?

Ich freue mich besonders, in diesem Semester vier Expert_innen als Gäste in den Seminaren begrüßen zu dürfen. Vielen Dank, Manon Westphal, Kolja Möller, Benjamin Opratko und Hilkje Charlotte Hänel - das werden spannende Kolloquiumssitzungen!

HS Standpunkttheorien (Sommersemester 2021 / Online, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, MA Politikwissenschaft)

Standpunkttheorien argumentieren, dass unser Wissen in bestimmten Bereichen von unserer sozialen Position abhängt. Sie sind die philosophische Grundlage von politischer Kritik, die mit Bezug auf die soziale Position argumentiert, wie beispielsweise antirassistische oder feministische Kritiken. Zentral ist dabei, die hegemoniale Perspektive der Dominanzkultur, die sich als universell gültig versteht, als partikular zu entlarven und zu zeigen, wie viel ihrem Blick verstellt bleibt. Epistemisch privilegiert, also in der Lage, eine Situation besser zu bewerten, seien hingegen diejenigen, die selbst von sozialen Missständen betroffen sind. Standpunkttheorien sind einerseits ein unverzichtbares Mittel zeitgenössischer Kritik und kritischer politischer Theorie, andererseits sind sie hoch umstritten. In aktuellen feuilletonistischen Kulturkämpfen erhitzen sich die Gemüter genauso an metaethischen Fragen nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit universalistischer Positionen und der potenziellen Gefahr eines Relativismus, der von Standpunkttheorien ausgehe, wie an inhaltlichen Fragen. Und auch innerhalb der theoretischen Linken gibt es Warnungen vor einem “positionalen Fundamentalismus” (Villa Braslavsky), also einer Gleichsetzung der Denkmöglichkeiten mit der sozialen Position. Vor diesem Hintergrund dient das Seminar der intensiven, philosophischen und kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Schulen der Standpunkttheorien. Angefangen bei der feministischen Standpunkttheorie über intersektionale Positionen und neuere Debatten um epistemic injustice und kritisches Weißsein, bis hin zur postkolonialen Kritik des eurozentrischen Universalismus werden wir das Feld sondieren. Bei den Lektüren soll es dabei immer um die Frage gehen, inwiefern die jeweilige Standpunkttheorie informativ für die heutige post-demokratische Situation ist und zu einer “Demokratisierung der Demokratie” beitragen kann. Das Ziel des Seminars ist es, dass die Studierenden eine eigene systematische Position zu den im Seminar diskutierten Problemen entwickeln und sie in der Hausarbeit als wissenschaftlichen Beitrag zu einer aktuellen Debatte ausarbeiten.

  1. Einführung
  2. Sandra Harding
  3. Nancy Hartsock
  4. Patricia Hills Collins
  5. Donna Haraway
  6. Sandra Harding
  7. Charles Mills
  8. Miranda Fricker
  9. José Medina
  10. Shannon Sullivan
  11. Olúfémi Táíwò
  12. Walter Mignolo
  13. Kolloquiumssitzung mit Hilkje Charlotte Hänel


HS Identität und Repräsentation in der Radikalen Demokratietheorie (Sommersemester 2021 / Online, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, MA Politikwissenschaft)

Die radikale Demokratietheorie tritt an, die blinden Flecken der hegemonialen liberalen bzw. deliberativen Demokratietheorie zu korrigieren. Die liberale Schule sieht das Politische als durch vernünftige Aushandlungsprozesse bestimmt und es geht ihr um die möglichst universalistische Begründung von demokratischen Institutionen. Anders die radikale Demokratietheorie: Sie geht davon aus, dass das Politische im Wesentlichen ein Machtkampf ist. Sie versteht das Politische als umstritten und auf kontingenten Grundlagen beruhend, und bestehende institutionelle Ordnungen als notwendigerweise partikularistisch. Politische Ordnung ist demnach das Resultat von antagonistischen Auseinandersetzungen, sie ist die Ordnung der Sieger, die deshalb immer inkludierend für die einen und exkludierend für die anderen ist. Eine universalistische Position könne deshalb niemals erreicht werden, sondern sowohl Ordnungen als auch deren normative Begründungen müssten partikular bleiben. Demokratie und Politik ist für die radikale Demokratietheorie deshalb nicht die Aushandlung in den bestehenden demokratischen Institutionen, sondern die radikale Kritik der institutionellen Ordnung und ihrer Ausschlüsse, mit dem Ziel, sie inklusiver zu gestalten. Diese widerständigen Prozesse sieht die radikale Demokratietheorie als grundlegend für die Vertiefung und Aufrechterhaltung der Demokratie – mithin: für die Demokratisierung der Demokratie. Doch in der aktuellen Forschung radikaldemokratischer Theorie werden zwei Aspekte der Demokratisierung der Demokratie kaum behandelt: Einerseits die Entstehung von politischer Subjektivität in identitätspolitischen Projekten, durch die widerständige Bewegungen überhaupt erst möglich werden; andererseits die Repräsentation von Bewegungen in der politischen Öffentlichkeit und den etablierten Institutionen, die für den Erfolg von Demokratisierungsbemühungen ausschlaggebend zu sein scheint. Das Seminar fragt nach dem systematischen Zusammenhang dieser beiden Pole innerhalb der radikalen Demokratietheorie. Dabei soll die Hypothese untersucht werden, dass partikulare Identitätspolitik notwendig für die Demokratisierung der Demokratie ist. Dies ist auch eine Intervention in aktuelle Debatten um “Identitätspolitik”, von der heute meist behauptet wird, dass ihre Partikularität das gemeinsame solidarische Wir oder die vernünftige demokratische Deliberation – und damit die Demokratie – zersetze. Wir lesen dafür zentrale Autor_innen der radikalen Demokratietheorie, die für unterschiedliche Spielarten stehen: Mit Laclaus und Mouffes „Hegemonie und Radikale Demokratie“ steigen wir in die Diskussion ein. Mit Claude Lefort lernen wir eine tendenziell liberale Spielart der radikalen Demokratie kennen und untersuchen, welchen Stellenwert politische Institutionen und Repräsentation darin einnehmen. Jacques Rancière ist hingegen der wichtigste Vertreter einer anarchistischen Spielart der radikalen Demokratie. Ernesto Laclaus neuere Arbeiten zum Linkspopulismus argumentieren dagegen, dass die Machtübernahme in staatlichen Institutionen wichtig für die radikale Demokratie ist. Zuletzt setzen wir uns mit Etienne Balibar mit der Bedeutung von Citizenship für die Demokratisierung der Demokratie auseinander. Nach diesem Studienteil haben wir vier Sitzungen, in denen Expert_innen für unterschiedliche Spielarten der radikalen Demokratie im Seminar zu Gast sind, mit denen wir jeweils einen Text im Kolloquiumsformat diskutieren.

  1. Einführung
  2. Laclau/Mouffe
  3. Lefort 1
  4. Lefort 2
  5. Rancière
  6. Laclau 1
  7. Laclau 2
  8. Balibar 1
  9. Balibar 2
  10. Kolloquium mit Kolja Möller
  11. Kolloquium mit Benjamin Opratko
  12. Kolloquium mit Manon Westphal


Unter Lehre gibt es Infos zu vergangenen Seminaren.


Mehr zum Thema