Im Hauptseminar lehre ich in diesem Semester zu Liberalismus und Liberalismuskritik. Dabei geht es um die Frage, ob die verbreitete Liberalismuskritik wirklich zutrifft, dass der politische Liberalismus Subjektivität unzureichend in die politische Theorie einbeziehe - eine Kritik, die auch eine Prämisse meines Denkens ist.

Mein Grundlagenseminar Politische Theorie führt zunächst in die im Westen hegemoniale liberale politische Theorie ein, um dann die Klassiker der kritischen politischen Theorie zu vermitteln. Die Studierenden lernen dabei, Macht und Normierung im Kapitalismus der Gegenwart zu hinterfragen, u.a. mit Luhmanns Liebe. Eine Übung und, aus aktuellem Anlass, Texten von Achille Mbembe.


Liberalismus und Liberalismuskritik (Sommersemester 2020 / Online)

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, MA Politikwissenschaft

Das Seminar dient der Diskussion der Kritik am politischen Liberalismus, die das Kerngeschäft der kritischen Theorie aller Couleur ist. Liberalismuskritik wird kontinental von französischer (die Tradition der „politischen Differenz“ und „des Politischen“) wie von Frankfurter Seite (Honneth, Jaeggi) vorgebracht, genauso wie in der Amerikanischen Debatte um Kommunitarismus (Taylor, Sandel) und einen neuen liberalen Aristotelismus (Nussbaum). Im Mittelpunkt dieser Debatten steht das Verhältnis von Recht und Politik und die Frage, inwieweit individuelle Subjektivität und ‚das Private‘ von einer politischen Theorie einbezogen werden sollte – und welche normativen Ansprüche an und Eingriffe in die Subjektivität der Individuen (beispielsweise durch spezifische politische Bildungsprogramme) notwendig bzw. gerechtfertigt sind. Der Liberalismus wird dafür kritisiert, Subjektivität, Abhängigkeit und Bedürftigkeit durch einen rein negativen Freiheitsbegriff und eine damit zusammenhängende atomistische Sozialontologie auszublenden. Damit versteinere Liberalismus ideologisch die bestehenden Verhältnisse. Neue Aktualität hat diese Debatte in den letzten Jahren durch Christoph Menkes Rechtskritik erfahren, der die Kritik an liberalen subjektiven Rechten radikal formuliert.

Doch stimmt es eigentlich, dass der Liberalismus auf eine rein atomisierende Sozialontologie zurückgreift und Subjektivierung – also die soziale Konstitution von Subjektivität – nicht denken kann oder (aus politischen Gründen) nicht denken will? Und wie überzeugend sind die Konzeptionen von Freiheit und Subjektivität, die von Liberalismuskritiker_innen als eine Alternative präsentiert werden? Im Seminar gehen wir diesen Fragen durch kontrastierende Lektüren ausgewählter Texte des Liberalismus und der Liberalismuskritik nach. Es beginnt mit einem einführenden Teil, in dem wir uns mit dem zentralen systematischen Begriff der Debatte – Freiheit – auseinandersetzen und die Konzepte der negativen, positiven und sozialen Freiheit differenzieren. Der zweite Teil widmet sich der US-amerikanischen Debatte zwischen dem Rawlsschen Liberalismus und der kommunitaristischen Kritik. Im dritten Teil analysieren wir die deutsche Debatte zwischen Habermas Kantianismus und Honneths und Jaeggis Hegelianismus in Hinblick auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur US-amerikanischen Debatte. Diese Textauswahl und die Methode des Theorievergleichs bei ähnlichen systematischen Problemen zielt darauf, den Studierenden ein Tiefenverständnis für die hier verhandelten Grundprobleme der politischen Theorie zu vermitteln, das auch bei der eigenständigen Arbeit zu anderen Spielarten der Liberalismuskritik hilft.

Ablaufplan 1. Einführung, 13.05.2020

Teil 1: Freiheitsbegriffe

  1. Negative Freiheit (Berlin), 20.05.2020
  2. Positive Freiheit (Taylor), 27.05.2020
  3. Soziale Freiheit (Neuhouser), 03.06.2020

Teil 2: US-amerikanische Debatte

  1. Rawls universalistischer Liberalismus, 10.06.2020
  2. Rawls politischer Liberalismus, 17.06.2020
  3. Sandels Kommunitarismus, 24.06.2020
  4. Taylors Kommunitarismus, 01.07.2020

Teil 3: Deutsche Debatte

  1. Habermas‘ Kantianismus, 08.07.2020
  2. Habermas‘ Rechtstheorie, 15.07.2020
  3. Honneths Sozialismus, 22.07.2020
  4. Jaeggis Lebensformen, 29.07.2020


Grundlagen der Politischen Theorie, 2020 (Sommersemester / Online)

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, BA Politikwissenschaft

Das Seminar führt in die zeitgenössische politische Theorie durch die Lektüre repräsentativer Texte von zentralen Autor_innen ein. Es ist systematisch in zwei Teile gegliedert: liberale Tradition und kritische politische Theorie.

Der erste Teil dient dem Studium zentraler Texte des politischen Liberalismus, der die hegemoniale politische Doktrin in der westlichen Welt ist. Wir lernen hier die normative politische Theorie als einen gesellschaftlichen Selbstverständigungs- und Legitimationsdiskurs kennen und diskutieren unterschiedliche Methoden, um normative Theorien zu begründen. Wir widmen uns dem Freiheitsbegriff (Berlin), der modernen Vertragstheorie (Rawls), den Bedürfnissen und Fähigkeiten von Menschen (Nussbaum), und der Vernunft in der demokratischen Öffentlichkeit (Habermas).

Der zweite Teil ist der kritischen politischen Theorie gewidmet. Hier wird politische Theorie weniger als normative Legitimation des Bestehenden, denn als diagnostizierende Kritik von Gesellschaft und Politik verstanden. Auf die im 19. Jh. aufkommende sozialen Frage reagierend entwickeln die jungen Sozialwissenschaften systematische Ansätze der Analyse und Kritik gesellschaftlicher Missstände. Wir diskutieren die vielfältigen Methoden der Kritik, die historische, ökonomische, epistemologische, soziologische, sozialontologische und psychologische Argumente in die politische Theorie einführen. Die Themen der Kritik sind Kapitalismus (Marx), Subjekt (Freud), Wissenschaft (Horkheimer/Adorno), Macht (Foucault), Liebe und Sexualität (Luhmann) und Kolonialismus/Postkolonialismus (Mbembe). Mit Marx, Freud, Adorno und Horkheimer werden Autoren behandelt, die heute zu den Grundpfeilern kritischer politischer Theorie zählen. Luhmanns und Foucaults scharfe Analysen von sozialen Systemen bzw. dem Wirken von Macht stehen für kritische Methoden, die auskommen, ohne klare normative Positionen formulieren zu müssen, und die in der heutigen politischen Theorie große Verbreitung gefunden haben. Mbembes Analysen des kolonialistischen Denkens führen die Kritik am aufklärerischen Universalismus im Kontext der Globalität fort.

Ablaufplan 1) Einführung, 12.05.2020

Teil 1: Die zeitgenössische Hegemonie des Liberalismus

2) Negative und positive Freiheit: Isaiah Berlins Antipaternalismus, 19.05.20 3) Legitimation der westlichen Demokratie: John Rawls‘ Liberalismus, 26.05.20 4) Menschliche Bedürfnisse und Fähigkeiten: Martha Nussbaums liberaler Aristotelismus, 02.06.20 5) Kommunikative Vernunft und Rechtstaatlichkeit: Jürgen Habermas‘ deliberative Demokratietheorie, 09.06.20

Teil 2: Politische Theorie als Gesellschaftskritik

6) Ausbeutung im Kapitalismus: Karl Marx‘ historischer Materialismus, 16.06.20 7) Entzauberung des Bewusstseins: Sigmund Freuds Psychoanalyse, 23.06.20 8) Die Totalität des Falschen: Adornos und Horkheimers Kritik der Moderne, 30.06.20 9) Liebe im Getriebe der Gesellschaft: Luhmanns Systemtheorie, 07.07.20 10) Die Normierung der Sexualität: Foucaults Machtanalyse, 14.07.20 11) Koloniale Verdammung: Achille Mbembes Postkoloniale Kritik, 21.07.20 12) Besprechung von Hausarbeiten und Feedback, 28.07.20


Unter Lehre gibt es Infos zu vergangenen Seminaren.


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