Endlich wieder Präsenzlehre! Im Wintersemester gebe ich anlässlich der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten ein Hauptseminar zur Wissenschaftsfreiheit und ein Proseminar auf Englisch zu Identitätspolitik.

Ich freue mich besonders, in diesem Semester drei Expert_innen als Gäste in den Seminaren begrüßen zu dürfen. Vielen Dank, Gen Eickers, Daniel James und Eszter Kováts - das werden spannende Kolloquiumssitzungen!

HS Kämpfe um Wissenschafts- und Meinungsfreiheit

Wir erleben gegenwärtig eine kontroverse politische Debatte über die (angeblichen) Einschränkungen der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Unter den Stichworten “Cancel Culture” und “Political Correctness” wird von meist konservativen Akteuren kritisiert, dass sich die Möglichkeiten des Sag- und Beforschbaren immer weiter einschränken würden. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat die allgemeine Debatte um Meinungsfreiheit bezüglich der Wissenschaftsfreiheit konkretisiert und zählt eine Reihe von Fällen auf, in denen die Wissenschaftsfreiheit ungerechtfertigterweise eingeschränkt worden sei. Das Seminar dient der Reflexion dieser Debatte mit dem Ziel, eine kritische Theorie der Wissenschaftsfreiheit zu entwickeln, die einerseits der Notwendigkeit Rechnung trägt, die Pluralität in der Wissenschaft durch diskriminierungskritische Neuregulierungen von Privilegien zu verbessern und andererseits die Pluralität der wissenschaftlichen Ansätze zu bewahren. Im Zentrum stehen dabei die Differenzierungen von Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, von unterschiedlichen Aspekten der Wissenschaftsfreiheit (z.B. personal und systemisch), von objektivistischer und kritischer Wissenschaft, und die Differenzierung und strukturelle Kopplung von Wissenschaft und Politik. Konkrete Fragen der aktuellen Kontroversen, zu denen das Seminar Argumente entwickelt, sind beispielsweise: Ist es gerechtfertigt, in einem offenen Brief zur Ausladung von Kathleen Stock von einer wissenschaftlichen Konferenz aufzufordern, die philosophische Aktivistin gegen Trans*-Rechte ist? (Wie) sollte gegen ein Seminar protestiert werden, in dem Rainer Wendt (Polizeigewerkschafter, der regelmäßig mit politisch rechten Äußerungen auffällt) als Diskutant eingeladen ist? Sollte einem philosophischen Forschungsprojekt, das begründen soll, dass homosexuelle Akte unmoralisch sind, die Wissenschaftlichkeit abgesprochen werden, obwohl es von angesehenen Vertretern des Fachs durchgeführt wird?

Neben diesen Fragen der (angeblichen) Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit geht es sowohl in der aktuellen Debatte als auch im Seminar um eine Analyse der Pluralität aus Studierendensicht: Sind Trigger-Warnungen schädlich? Gibt es so etwas wie eine “linke Hegemonie” in manchen Fächern, die zu politisch einseitigen Diskursen führen, wie in einer aktuellen Studie behauptet? Ist ein Seminar überhaupt der Ort für “viewpoint pluralism” - also einfache Offenheit für alle politischen (und nicht wissenschaftlichen) Positionen -, wie in dieser Studie suggeriert, oder geht es vielmehr darum, im Rahmen spezifischer wissenschaftlicher Theorien zu diskutieren? Kurz: Was bedeutet Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit für Studierende? Eine weitere Ebene ist die Diskussion anderer Arten der Einschränkung von Wissenschaftsfreiheit: Durch fehlende Diversität an den Universitäten, durch befristete Verträge und abhängige Beschäftigungsverhältnisse, durch Drittmittelfinanzierung zur politischen Steuerung von Forschung, und durch direkte staatliche Intervention gegen bestimmte Theorien (wie zuletzt in Frankreich unter dem Schlagwort “Islamo-Gauchisme”, in den USA gegen Critical Race Theory, und in Deutschland bezüglich BDS).

Nach einer einleitenden Sitzung zu den aktuellen Kontroversen folgt ein zweiter Teil zu den theoretischen Grundlagen der Wissenschaftsfreiheit. Danach vergegenwärtigen wir uns die rechtliche und politische Situation in Deutschland und die Diskussion um Einschränkungen auf deutschen Campussen. Im vierten Teil geht es um zwei Kontroversen (TERF, Trigger Warnungen). Die letzte Sitzung ist der kritischen Diskussion ausgewählter, in der Vergangenheit skandalisierter, Einzelfälle, gewidmet.

1) Einführung, 19.10.2021
2) Aktuelle Kontroversen, 26.10.2021
3) Soziologische Grundlagen: Systemtheorie, 09.11.2021
4) Macht und Diskurs: Foucault, 16.11.2021
5) Normativität und Objektivität: Kritische Theorie, 23.11.2021
6) Normativität und Objektivität: Standpunkttheorie, 30.11.2021
7) Ziviler Ungehorsam: Radikale Demokratietheorie, 07.12.2021
8) Lage in Deutschland: Rechtliche Rahmenbedingungen, 14.12.2021
9) Lage in Deutschland: Verfehlte Demokratisierung der Professorenuniversität, 21.12.2021
10) Lage in Deutschland: Freiheit auf dem Campus?, 11.01.2022
11) Kontroversen: TERFs, 18.01.2022
12) Kontroversen: Kritik der Kritischen Theorie, 21.01.2022
13) Kontroversen: Trigger Warnungen, 01.02.2022
14) Diskussion einzelner Fälle, Feedback, 08.02.2022

PS Identity Politics (English)

Disputes about identity politics shape contemporary political debates. The term “identity politics” was coined in the late 1970s by Black feminists in the United States, where it refers to the political practice of a social group that makes its specific experience of oppression the starting point of resistant politics. Since then, the concept has been used in the struggles for emancipation of various social groups and has been discussed controversially, especially in feminist and postcolonial theory. As a result of the rise of right-wing populist movements and political polarizations in the 2010s, identity politics has become a topic of discussion and criticism among the broader public as well as in the entire social sciences. In these current debates, identity politics is often criticized as separationist and anti-democratic. In view of this topicality, the seminar aims at developing a more nuanced notion of identity politics, engaging with texts in the diversity of identity politics is negotiated with greater complexity than is the case in the current heated debates on identity politics.

The first section asking „What is identity politics” is followed by a section examining current conservative and left-wing criticism against identity politics. The next three sections deal with one contemporary controversy each, discussing identity politics and class politics, struggles about trans* politics, and the metaphysics and politics of race.

1) Introduction, 20.10.2021
2) What is Identity Politics?, 27.10.2021
3) What is Identity Politics?, 03.11.2021
4) Current Critics: Fukuyama & Fraser, 10.11.2021
5) Current Defenses, 17.11.2021
6) Controversies 1: Class and Identity Politics, Fraser, Redistribution/Recognition, 24.11.2021
7) Controversies 1: Class and Identity Politics, Alcoff contra Fraser, 01.12.2021
8) Controversies 1: Bohrer Intersectionality/Marxism, 08.12.2021
9) Controversies 2: Trans and TERF, 15.12.2021
10) Controversies 2: Trans and Race, 22.12.2021
11) Colloquium with Gen Eickers, 12.01.2022
12) Controversies 3: Race, 19.01.2022
13) Controversies 3: Race, 26.01.2022
14) Colloquium with Daniel James, 02.02.2022
15) Workshop on Essays, Feedback, 09.02.2022

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Unter Lehre gibt es Infos zu vergangenen Seminaren.


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